foto (spowo): Kölns Keeper Mondragon hielt seine Beziehungskiste ohne Probleme sauber.
1899 Hoffenheim leistet sich weiteren Heim-Offenbarungseid und unterliegt dem ebenfalls schwachen 1. FC Köln mit 0:2 (Halbzeit 0:0).
Sinsheim. (jw) Wenn schon nicht Deutscher Meister, dann wenigstens „Bullmeister“. Am letzten Sonntag clubbten - wenige Stunden nach dem Totalcrash in der Volkswagen-Arena - sechs Hoffenheimer Profis beim Live-Act der gleichnamigen Band im Heidelberger Nachtclub „Deep“. Wenn der nächtliche Einsatz wenigstens dem Teambuilding gedient hätte! Doch der Heimauftritt des Players Club Hoffenheim gegen die launische Diva vom Rhein wird zum vorläufigen „Deep“-Punkt einer die Fans maßlos enttäuschenden Pleitenserie. Dietmar Hopp trifft den Nagel auf den Kopf: „Das war ein Krampf von Anfang bis Ende.“ Umso erstaunlicher das exklusive Nach-Urteil von 1899-Trainer Ralf Rangnick: „Es war eine gute erste Halbzeit meiner Mannschaft.“
Mit der kompletten Nachtclub-Clique (von hinten) Josip Simunic, Luiz Gustavo, Sejad Salihovic, Carlos Eduardo, Vedad Ibisevic und Chinedu Obasi in der Anfangsformation, aber ohne die auf die Bank verbannten Marvin Compper und Andreas Ibertsberger sowie mit Daniel Haas statt dem leistenverletzten Timo Hildebrand im Tor wollte Hoffenheim endlich wieder einen Heimsieg und vielleicht auch an das Hinspiel vom 1. 11. 2009 erinnern, als die TSG den 1. FC Köln im Rhein-Energie-Stadion mit 4:0 deklassierte und auf den vierten (!) Tabellenplatz rückte.
Statt dessen knüpft Hoffenheim naht-, willen- und führungslos an seine letzten Heim-Offenbarungseide an. Das „aggressive Forechecking“ hat wohl – neben Ralf Rangnick – nur der Autor des Liveticker aus der Hoffenheimer Presseabteilung wahrgenommen. In der Realität passiert in der ersten langweiligen Viertelstunde so gut wie nichts. Dann endlich eine erste flüssige Kombination der Blauen. Chinedu Obasi, der das Angriffsspiel immerhin spürbar belebt inspiriert, bedient Sturmpartner Vedad Ibisevic fein mit der Hacke. Doch das lebende FC-Denkmal Faryd Mondragon wehrt den kraftlosen Schuss ab – und Obasis halbherziger Nachschuss wird zur Ecke abgeblockt.
Unmittelbar nach der Pause schlägt der rote Fuchs im Haas-Stall zu
Der 1. FC Köln agiert – mit dem plötzlich drohenden Abstiegsgespenst im Nacken – betont vorsichtig und defensiv. FC-Heilsbringer a. D. Lukas Podolski, mit dem die Rheinländer in diesem Jahr noch kein Spiel gewonnen haben, findet - auch dank der intensiven Zuwendung des umtriebigen Andreas Beck - kaum einen Ball, geschweige denn eine prägende Rolle in diesem Spiel. Doch ein riesiges Transparent mit der Aufschrift „You’ll never walk alone“ über dem vom DFB-Sportgericht leer gesperrten Gästeblock scheint den Kölnern als Rückhalt zu genügen, um in der Rhein-Neckar-Arena nur selten ernsthaft in Verlegenheit zu geraten. Und das auch nur, wenn gestandene Kölner Domtürme wie Pedro Geromel durch unfreiwillig komische Aktionen unnötige, aber ungefährliche Hoffenheimer Standards provozieren.
„Es gibt Pfiffe, die eigentlich unnötig sind“, schreibt der schönfärberische TSG-Liveticker– und meint das völlig berechtigte Pfeifkonzert, als der gute Schiedsrichter Günter Perl zur Pause bittet. Hätte der Hoffenheimer Online-Schreiber (und die gesamte Mannschaft) doch nur die Halbzeitkommentare an den Imbiss-Ständen in der Rhein-Neckar-Arena mitbekommen! Und kaum haben die angefressenen Zuschauer ihre Schalensitze bezogen, schlägt auch schon der rote Fuchs im schlecht bewachten Haas-Stall zu. Der junge FC-Scharfschütze Adam Matuschyk hat sich ein Kölsches Herz gefasst und mutterseelenallein aus 25 Metern abgezogen. Die Kugel schlägt mit dumpfem Metallicsound unterm Lattenkreuz ein (46.).
Die von Stadionmoderator Mike Diehl vor dem Anpiff so hoch gelobten Fans in der Südkurve haben ihre Mannschaft in der ersten Halbzeit noch gewohnt vorbildlich angefeuert. Doch nun schlägt die Stimmung in der „Bitburger Fankurve“ endgültig um. „Wir wollen Euch kämpfen sehen.“ Ja, das hat man schon öfter gehört in der Rhein-Neckar-Arena. Doch nun schallt es plötzlich aus tausend Kehlen: „Wir haben die Schnauze voll“. Und schließlich, ebenfalls neu in den Fan-Charts: „Rangnick raus“ – inklusive der Schwarzweißversion auf einem Transparent.
Erstmals „Rangnick raus“-Rufe in der Rhein-Neckar-Arena
Mangels offensiven Alternativen auf der Bank – auch das ein Indiz für die fragwürdige Personalpolitik dieser Saison – wechselt Trainer Ralf Rangnick nur einmal aus und bringt für seinen Sechser Luiz Gustavo als weiteren „Angreifer“ Prince Tagoe. Und der fällt – wenn überhaupt – als Headhunter auf. Per Kopf bedient Tagoe in der 75. Minute mustergültig seinen Partner Vedad Ibisevic. Doch der redlich bemühte, aber stockfehlerhafte, aktuell verhinderte Torjäger jagt den Ball frei vor der Hütte volley über Mondragons Beziehungskiste. Der ebenso sympathische wie intelligente Bosnier ist der lebende Beweis, dass Fußball vor allem auch eine Kopfsache ist: In seiner längst vergangenen Mannheimer Ära hätte er diese Großchance mit Gefühlskälte und Entschlossenheit verwandelt. Die gleiche Kopfpauschale gilt für den mehr resignierten als designierten Spielgestalter Carlos Eduardo. Und wenn Eduardo in der Schaltzentrale ausfällt, kann der Hoffenheimer Kreativladen dicht machen.
Antonio Gramsci: „Fußball verlangt Initiative, Konkurrenz und Kampf“
Symptomatisch für das Wirken von FC-Ikone Lukas Podolski und seinen Beitrag zu diesem Krampfspiel ist diese Szene: Der WM-Kandidat wird im Strafraum angespielt, taucht frei vor Daniel Haas auf – und stolpert beim kläglichen Schussversuch über seine eigenen Beine. Prinz Poldi als Prinz Stolpi: Das passt zu diesem stolprig-holprigen Bundesligaspiel. Nur einer ist richtig gut drauf. Zehn Minuten vor dem Ende: Adam Matyschyk kann seinen verspäteten Osterspaziergang – nach der einzigen produktiven Aktion von Podolski - durch die lichten blauen Bande in der Kraichgauer Aprilsonne mit einem ungestörten, kernigen Aufsetzer ins Toreck krönen.
Da bleibt den Fans nur noch verzweifelter Sarkasmus: „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, singen sie nun“. Und: „Jetzt könnt Ihr feiern gehen!“ Apropos: Der auch in Bundesliga-Abstiegskreisen angesagte Heidelberger Nachtclub „Deep“ wirbt auf seiner Homepage: „Ausgelassen clubben im stylischen Ambiente, jeden Freitag & Samstag sowie vor Feiertagen.“ Aktuelle Durchsage an die Hoffenheimer Profis: Am Wochenende heizt dort die Electronica, Techno- und Flamenco-Gruppe „Milk & Sugar“ ein.
Ausgerechnet der italienische Schriftsteller Antonio Gramsci (1891 – 1937) hat das Wesen dieses wunderbaren Sports auf den Punkt gebracht: „Fußball ist ein Abbild der individualistischen Gesellschaft. Er verlangt Initiative, Konkurrenz und Kampf.“ Lauter Attribute, die das Team von 1899 Hoffenheim derzeit schmerzlich vermissen lässt. Fußballförderer und –forderer Dietmar Hopp und Cheftrainer Ralf Rangnick wissen genau: Wenn sich an diesen drei Stellschrauben nichts ändert, werden die Wege sich trennen müssen.
Joseph Weisbrod |